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Baukultur entdecken

Fontana

Kurz vor der Ankunft in Fontana überquert der Wanderweg die Larechia auf einer 1990 installierten, an Stahlseilen hängenden Brücke. Mit ihrer soliden Bauart dürfte sie wohl ihre diversen Vorgängerinnen aus Holz für längere Zeit ersetzen. Solch leicht wirkende Brücken an Drahtseilen mit Gitterrostböden wurden im Tessin der Nachkriegsjahre häufig gebaut.

Der trainierte Wanderer kann von Fontana aus über die Alp Larechia und Fiorasca den Pass­übergang auf 2200 Metern in rund vier Stunden erreichen und ins Val Lavizzara absteigen. Rund eine Stunde ob Fontana wird er auf meterbreite, regelmässige Stufen teils in Fels gehauen, teils auf eine Mauer abgestützt treffen. Auf der anfangs des letzten Jahrhunderts entstandenen Treppe können in zwei Stunden 800 Höhenmeter überwunden werden. Kaum vorstellbar, wie die Bavonesi mit ihrer ganzen Viehhabe, mit Kühen, Ziegen, Schafen und schweren Tragkörben diese Wege meisterten, geschweige denn, wie die Männer diesen Weg zusätzlich zu ihrem übervollen Tagesprogramm erstellt hatten. Solch eindrückliche Steinstufen finden sich noch heute insbesondere auf der linken Flanke des Bavonatals.
Im Weiler Fontana fallen die aneinander gereihten Häuser mit den typischen Galerien und Aussentreppen auf. Einige davon sind vor über 400 Jahren entstanden. In diese Tradition stellt sich auch ein Wohnhaus neueren Datums. Der einheimische Architekt Germano Mattei errichtete im südwestlichen Teil des Weilers auf den Grundmauern eines zerfallenen Rusticos ein neues Wohnhaus. Bewusst wählte er die traditionelle Typologie mit offener Loggia und geschlossenem Hausteil sowie einheimische Baumaterialien. Ausserhalb des Tals wäre ein Neubau in zeitgenössischer Architektursprache wünschenswert (vgl. 1, Sitz der FVB, und 11), im Bavonatal hingegen verlangte die einzigartige bauliche Geschlossenheit der Weiler nach einer traditionellen Lösung. Zu sensibel ist das seit Jahrhunderten bestehende Gleichgewicht, zu gross wären die Risiken, dieses zu zerstören.
Steine prägen das Valle Bavona. Auch das Gelände von Fontana ist mit riesigen Felsblöcken übersät. Wenige Meter talaufwärts nach dem «Grott di Baloi» (Grotto zum Felsen) zeugt auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine Fels­inschrift von einem enormen Felsabsturz, der einen grossen Teil des fruchtbaren Bodens verwüstet hatte: GIESÙ MARIA+1594+QUI FU BELA CAMPAGNIA (Jesus Maria, hier war schö­nes Land). Die Bavonesi arrangierten sich im Siedlungsgebiet mit den Felsklötzen und integrierten sie in ihre Bauten. Wohnhäuser, Ställe, sogar die Kirche errichteten sie auf, unter oder zwischen den unverrückbaren Bro­cken.
Der unglaublich knappe Boden machte die Bavonesi auch auf der Suche nach Kulturland erfinderisch. Auf den grössten Felsblöcken legten sie Gemüsegärten oder kleinere Heuwiesen an und verwandelten so die Platz raubenden Steinbrocken in vor Überschwemmungen geschützte Anbauflächen. Einige dieser so genannten Prati pensili (hängende Gärten oder Dachwiesen) konnten nur mittels eigens gebauten Steintreppen erklommen werden.
Adresse
Valle Bavona
Datenquelle: Schweizer Heimatschutz
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