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Bellevue-Areal mit Villa Roberta und Villa Bellevue

Die Bezeichnung Bellevue scheint auf den ersten Blick für dieses in der Ebene liegende Gebiet sehr unpassend. Der Name stammt von der heutigen Römerburg (Remisbergstrasse 31), die im 19. Jahrhundert Schloss Bellevue hiess. Dort druckte in den 1830er Jahren eine deutsche Emigrantendruckerei politische Schriften. Geflohen vor der Zensur, verbreiteten sie von hier aus revolutionäre Pamphlete, die für ein vereintes, republikanisches Deutschland warben. 1843 zog die Buchdruckerei Bellevue vom Hügel hinunter in das an der Hauptstrasse neu errichtete Wohn- und Geschäftshaus Bellevue. Da es aber nach 1845 immer schwieriger wurde, Bücher über die Grenze zu schaffen, wurde der Betrieb eingestellt.
1857 kaufte Dr. Ludwig Binswanger das Anwesen und richtete eine Privatanstalt für heilfähige Kranke und Pfleglinge aus den besseren Ständen der Schweiz und des Auslandes ein. Nach neusten psychiatrischen Methoden wurden Kranke in eine familiäre Umgebung mit väterlichem Arzt als Vorbild und Stütze aufgenommen und nicht ins Zuchthaus gesperrt. Nach 1874 gehörte auch das Schloss Brunegg mit Bauernhof dazu, auf dem Kranke in Arbeitstherapien kuriert wurden. Unter Robert Binswanger nahm die Kuranstalt von 1899-1907 einen regen Aufschwung, so dass im grossen Park mehrere Neubauten entstanden.
Ein trauriges Schicksal erlebte das Bellevue-Areal 1980 nach der Aufgabe der Klinik, als der Besitz nicht an die Stadt überging, sondern mehrheitlich dem Abbruch zum Opfer fiel. So erinnern heute lediglich die Villen Roberta und Bellevue sowie die Venenklinik (Brückenstrasse 9) an das ehemalige kulturelle Zentrum, als hier Persönlichkeiten wie der Psychiater Sigmund Freud und der Maler Ernst Ludwig Kirchner verkehrten.

Baujahr: Villa Bellevue: 1842; Villa Roberta: 1893

Architektur: Wilhelm Martin-Imhof, Kreuzlingen
Adresse
Hauptstrasse 14 und 16, 8280 Kreuzlingen
Datenquelle: Schweizer Heimatschutz
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